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Ring frei zur nächsten Preisverhandlungsrunde

07.11.2007

Der Nachfrage-Höhenflug nach dem „weißen Gold“, der Milch und ihrer Produkte, ist ungebremst. Lebensmittelhandel und Molkereibetriebe läuten die dritte Verhandlungsrunde ein. Der Handel fühlt sich von den Lieferanten zu Erhöhungen „gezwungen“, die geben „alles an die Milchbauern weiter“.

Einer deutschen Studie zufolge machen die Konsumenten den Lebensmittelhandel zum größten Teil für die Preiserhöhungen – vor allem am Milchsektor – verantwortlich. Für Österreich gilt Ähnliches. Der Handel sieht sich im Spannungsfeld zwischen Herstellern und Verbrauchern. Hier Preissteigerungen zu argumentieren scheint ein Kampf gegen Windmühlen zu sein.

Die Lieferanten und Hersteller von Milch und Milchprodukten haben es angekündigt: Die nächsten Preisanhebungen stehen unmittelbar bevor. Von der Berglandmilch etwa erfahren wir, das in der weißen und bunten Palette Erhöhungen zwischen 10 und 15 % bevorstehen. Wie nahe sich Lebensmittelhandel und Molkereiwirtschaft hier schon sind, hat LK-Handelszeitung exklusiv erhoben.

Corinna Tinkler, Unternehmenssprecherin der Rewe Group Austria, argumentiert die Rolle ihrer Handelsorganisation als „Hüter der Preise“ so: „Immer wieder sehen wir uns von Seiten unserer Partner, den Lieferanten, gezwungen, Preiserhöhungen weiterzugeben. Wir verdienen an diesen höheren Preisen nichts. Da wir auch im Sinne unserer Kunden denken müssen, hinterfragen wir aber jede Preiserhöhung in unserem Sortiment. Und seit der letzten Preiserhöhungswelle im Bereich Milch und Milchprodukte im Sommer 2007 und für Teilprodukte (Fettprodukte wie Butter, etc.) auch im September achten wir sehr genau darauf, dass die höheren Preise den Bauern zugute kommen. Denn der Erhalt der Wertschöpfungskette und die Produktion der Lebensmittel muss weiterhin gewährleistet werden.“
In den letzten Jahren sei der österreichische Lebensmittelhandel allerdings im Großen und Ganzen von massiven Preissteigerungswellen verschont geblieben. Im heurigen Jahr habe Rewe über das gesamte Sortiment eine geringfügige Preissteigerung von unter einem Prozent durchgeführt. Tinkler: „Derzeit finden Gespräche mit den Molkereien statt, in denen wir die Preisentwicklungen der kommenden Monate diskutieren.“

Im Juli, August und September des heurigen Jahres haben Preiserhöhungen in der weißen, bunten und gelben Palette stattgefunden. Die Trinkmilch wurde bei Rewe pro Liter um 10 Cent erhöht, dementsprechend kam es zu Preisanpassungen bei allen Molkereiprodukten. Mit der Preiserhöhung im Sommer 2007 wurde auch erstmals die Ein-Euro-Grenze bei Trinkmilch pro Liter übersprungen, was laut Tinkler vom Kunden akzeptiert wurde.
Sie kann im Moment nicht sagen, ob es zu weiteren Preiserhöhungen kommt, mittelfristig rechne Rewe allerdings mit einen Rückgang, den die Handelsorganisation „in jedem Fall an unsere Kunden weiter geben“ wird.
DI Josef Braunshofer, Sprecher der Berglandmilch-Geschäftsführung, kann bei der geplanten Höhe der Preisanhebung einspringen: „Die wichtigsten Preisverhandlungsrunden sind abgeschlossen. Im Bereich der weißen und bunten Palette erwarten wir noch Preissteigerungen von zehn bis fünfzehn Prozent.“ Berglandmilch hat seit Juni den Bauernmilchpreis um mehr als 34% angehoben und gibt laut Braunshofer die erzielten Mehrerlöse an die Genossenschafter – über 12.000 Milchbauern – weiter.

„Die plakativ geforderten 40 Cent wurden von nahezu allen österreichischen Molkereien (auch netto) erreicht. Der Bauernmilchpreis ist zwar gestiegen, gleichzeitig sind aber auch alle anderen Kosten für unsere Milchbauern aufgrund der Rohstoffhausse gestiegen. Die Kosten der Fütterung haben sich stark erhöht. Der Getreidepreis hat sich gegenüber dem Vorjahr in etwa verdoppelt. Wo genau ein Preis liegen muss, um zufriedenstellende Erträge zu erzielen, hängt immer auch von den korrespondierenden Aufwendungen ab“, so Braunshofer. Er möchte den partnerschaftlichen Umgang mit dem Handel nicht schmälern.
Auch Andreas Poschner, Vorstandssprecher der Adeg Österreich AG, bestätigt, dass die Verhandlungen bereits laufen. Er sieht als eine mögliche Konsequenz daraus eine Verschiebung in Richtung Handelsmarken in der Preiseinstiegslage. „Die Aufteilung zwischen Bauern, Molkereien und Handel regelt der Markt in Form von Angebot und Nachfrage“, sagt Poschner.
Alfred Berger, Vorstandschef der Nöm AG, beziffert die vergangene Anhebung der Preise für die Milchbauern für sein Unternehmen mit 10 Mio. €. „Solche Dimensionen können wir nicht alleine tragen. Aber auch die Konsumenten müssen umdenken. Landwirtschaftliche Produkte sind in den letzten Jahren immer nur billiger geworden. Damit ist jetzt Schluss“, so Berger.

Konkrete Vorstellungen
Seine Erwartungen betreffend die Höhe der Preisanpassung liegen bei Milch zwischen 5 und 10 Cent je Liter, bei Jogurt zwischen 4 und 5 Cent. „Mit den derzeitigen Endverbraucherpreisen sind wir noch weit entfernt von Wirtschaftlichkeit, wenn man die Preise berücksichtigt, die wir an unsere Bauern zahlen. Ähnliches gilt für Fruchtjogurt, wo wir derzeit auch Preiserhöhungen bei Früchten tragen müssen. Wir rechnen etwa bei Erdbeeren mit Mehrkosten ab November von 75 Prozent und bei Orangen von 45 Prozent“, begründet Berger die Notwendigkeit der Preisanpassung.
Nicole Berkmann, Spar-Österreich-Sprecherin, sagt, aus Sicht des Ertrages habe sich die Preislage verschlechtert. Und Verbraucher seien „über Preiserhöhungen zu Recht nie erfreut“.
Sie bestätigt, dass es bereits Anträge auf Preiserhöhungen gebe. „Aus Sicht der Konsumenten wäre ein Preis von 99 Cent für einen Liter Vollmilch eines Markenartikelherstellers ok. Das ist aber derzeit ertragsmäßig völlig undenkbar“, so die Einschätzung der Spar zum derzeitigen Letztverbraucherpreis.
Die letzte Preiserhöhung habe starke Vorteile zu Gunsten der Bauern gebracht, sie profitierten am meisten von der Erhöhung. Ändern werde sich daran in Zukunft nicht viel, lautet Berkmanns Einschätzung.
Auch von Seiten der Kärntnermilch werden Gespräche mit den Handelsorganisationen betreffend eine neuerlichen Preisanpassung bestätigt. Geschäftsführer Helmut Petschar: „Die bisherigen Preisanpassungen sind 1:1 an unsere Bauern weitergegangen. Was die Endverbraucher betrifft, möchten wir ganz klar feststellen, dass bei vielen Produkten, wie Butter, Schlagobers, Milch, auch Emmentaler, wir teilweise die Preise noch nicht erreicht haben, wie sie vor EU-Beitritt waren. Lebensmittel mit höchster Qualität sollten auch ihren Wert haben. Die verschiedenen Milchsorten werden in etwa um 10 Cent angehoben.“
Tatsache sei, dass die Bauern seit EU-Beitritt mit einem rückgängigen Milchpreis leben müssten. Allein in seinem Gebiet haben ca. 35 % der Bauern die Milchproduktion eingestellt, führt Petschar weiter aus.

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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