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Schauermärchen der GPA über Personalkosten im Einzelhandel

17.11.2016

Die KV-Verhandlungen im Handel sind zwar seit 9. November 2016 abgeschlossen, einige Aussagen in dieser Cause wirken aber noch nach. Der Grund dafür waren fachliche Mängel einer AK-Studie - was der Sache mehr schadete, als half. 

„Der Personalaufwand  belaufe sich in Summe auf nur 13%  der Gesamtkosten der Händler, während der Wareneinsatz 70% davon verschlinge“. Mit diesem Satz zitiert der „Standard“ vom 19. Oktober 2016 Anita Palkovich, Wirtschaftsbereichs-Sekretärin der  Gewerkschaft DPA-djp und  Chefverhandlerin der Arbeitnehmerseite bei den diesjährigen KV- Verhandlungen für 286.000 Handelsangestellte. Das Statement bezieht sich  auf einen aktuellen „Stresstest Handel “,  ein internes Papier der Arbeiterkammer, das auf der Bilanzauswertung von mehr als 200 Handelsunternehmen beruht. Palkovich zog aus den genannten Stress-Test-Ergebnissen den Schluss, dass „eine Erhöhung der Personalkosten um fünf Prozent im Gegensatz zu höheren Einkaufspreisen nur unwesentlich auf andere ökonomische Kennziffern durchschlage“.

Stresstest der anderen Art

Auch wenn die KV-Verhandlungen mittlerweile zu einem für beide Seiten akzeptablen Kompromiss führten, der Palkovich-Sager von den  13% Personalkosten  im Handel und ihrem niedrigen Stellenwert im Rahmen der Gesamtkosten  unterzogen die Nerven unserer Kaufleute, Handelsmanager und  Branchenvertreter einem gehörigen Stresstest. „Wer behauptet, dass Personalkosten im Handel nur einen geringen Teil der Gesamtaufwendungen  ausmachen, hat offenkundig falsches Zahlenmaterial zur Verfügung“, konterte der Handelsverband in seiner Aussendung vom 20.Oktober 2016.  Und in seinem Mail an die Handelszeitung schrieb  HV-Geschäftsführer Rainer  Will:  „Selbst einfache betriebswirtschaftliche Begriffe wurden seitens der AK/Gewerkschaft verwechselt und wieder einmal wurde die Handelsbranche in Misskredit gebracht.

Gesamtkosten in astronomischen Höhen

Was ist der sachliche Hintergrund dieser Auseinandersetzung? Die AK-Studie bedient sich eines Kostenbegriffs, der  in der Handels-Betriebswirtschaftslehre ganz und gar unüblich ist. Sie betrachtet nämlich auch den Wareneinsatz als Kostenposition. Daraus resultieren Gesamtkosten in astronomischer Höhe. Bei einem Gewinn von 2%, würden sich demnach Gesamtkosten in Höhe von 98% des Umsatzes ergeben. Wie unsinnig diese Betrachtungsweise ist, kann man im  Handbuch des Europäischen  Handelsinstituts  (EHI) „EHI Handelsdaten aktuell 2014“ nachlesen.

Da werden in einer Tabelle die  Personal- und Gesamtkosten in % des Nettoumsatzes verschiedener Formate des  deutschen LEH (Stand 2013)  ausgewiesen:

Supermärkte:  13,1% Personalkosten, 22,3% Gesamtkosten

Große Supermärkte: 12,6% Personalkosten, 21,7% Gesamtkosten

SB-Warenhäuser: 11,7%  Personalkosten, 20,9% Gesamtkosten

Fehlinterpretation mit Folgen

Fazit: Die Personalkosten sind die mit Abstand  größte Kostenposition im Lebensmittel-Einzelhandel, ihr Anteil an den  Gesamtkosten liegt bei 54 bis 55%. Wenn also die AK-Studie davon spricht, dass die Personalkosten nur 13% der Gesamtkosten  der Händler ausmache, verbreitete sie, egal ob bewusst oder  aus Unkenntnis  einen hanebüchenen Unsinn.

Auch bei genauem Studium  des Bilanzvergleichs, den die KMU Forschung Austria jährlich vorlegt und der auf der Auswertung von  16.058 betriebswirtschaftlich korrigierten  Steuerbilanzen von Handelsunternehmen   beruht , ist zu erkennen, wie falsch die AK mit ihrer Annahme lag, die Personalkosten machten nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten im EH aus. Für  die  Jahre 2013/2014  nennt der  Bilanzvergleich  der KMU  Forschung  für den Einzelhandel (ohne KFZ-Handel) folgende  Kennzahlen:

Betriebsleistung (Nettoumsatz):    100,0%

- Handelwareneinsatz:                    65,8%

= Rohertrag                                    34,2%

sonstige Erlöse                                 2,7%

es folgen einzelne Kostenpositionen:

Personalkosten                                 17,0%

Abschreibungen                                 2,0%

Sonst. betriebliche Aufwendungen  15,7%

Daraus  resultieren Gesamtkosten in Höhe von 34,7% des Umsatzes, sie sind also höher als der  Rohertrag (Bruttospanne). Von den Gesamtkosten entfallen somit auf  die Personalkosten knapp 50%.

Rechnen wir weiter: Rohertrag (+ sonstige Erlöse)  minus Kosten ergibt einen Betriebserfolg von 2,2%. Das EGT(wo  Finanzerträge und Finanzierungskosten=Zinsen mit berücksichtigt sind) beträgt ebenfalls 2,2 % vom Nettoumsatz.  Das heißt: Die Personalkosten im EH sind laut KMU-Forschung um 8,5 mal höher als der betriebswirtschaftliche Gewinn!

Auf die Zusammensetzung kommt es an

Gemessen am kapitalen Irrtum, den die AK bei der Interpretation der Personalkosten als Bestandteil der Gesamtkosten im Handel unterlag, ist die Diskussion darüber, ob die  Personalkosten  mit 12,7 bzw. 13%  vom Umsatz zu niedrig ausgewiesen  wurden, fast schon nebensächlich. Immerhin kommt die KMU-Forschung nicht auf 13 % sondern  auf 17,0% Personalkosten, dass in Deutschland (siehe EHI-Zahlen) die Personalkosten im LEH aus strukturellen Gründen etwas niedriger sind als bei uns,  ist bekannt. Entscheidend für das Ergebnis ist auch die Zusammensetzung des  Stresstest-Samples  aus zweihundert nicht näher beschriebenen Firmen. Dem KV-Verhandlungsteam der Wirtschaftskammer war aufgefallen, dass ein namhaftes Filialunternehmen der Konsumelektronik mit über 20 Bilanzen Eingang in die Datenbank fand, was natürlich zu einer Verzerrung  des Durchschnittswertes führt.  Kein Wunder, dass bei so vielen fachlichen Mängeln der AK-Studie die wirtschaftspolitische Diskussion zwischen  Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite keinen Fortschritt in der Sache sondern nur Frust und  Hickhack produzierte

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger
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