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Coop Schweiz ist in Österreich auf Expansionskurs

Transgourmet und Bell in der Offensive

17.05.2018

Die Coop in der Schweiz entwickelt sich mit Transgourmet und der Bell Food Group zu einem immer stärkeren Player in der österreichischen Lebensmittelwirtschaft. Wie das den Eid-Konsumgenossenschaftern gelingt, erfuhr die Handelszeitung im Gespräch mit dem langjährigen Coop-Verwaltungsratspräsidenten Hansueli Loosli.

Hansueli Loosli, Präsident des Verwaltungsrates der Coop Gruppe Genossenschaft (Schweiz)

Unterschiedlicher könnten die Erfahrungen nicht sein, die Migros und Coop, die beiden Schweizer Genossenschaftsriesen, mit ihren Österreich-Engagments bisher machten. Die Migros hat vor rund 20 Jahren durch das Engagement bei Konsum Österreich und  Zumtobels Familia-Märkten einen Betrag von  rund 300 Millionen Schweizer Franken in den Sand gesetzt. Ihr Lokalrivale, die  Coop Schweiz  übernahm vor zweieinhalb  Jahren  mit ihrer Foodservice-Tochter Transgourmet den Pfeiffer Gastro-Großhandel und Anfang 2017 mit der Bell Food Group, die ihr mehrheitlich gehört, die Firma Hubers Landhendl, einen der  führenden Geflügelverarbeiter unseres Landes. 

Und diese Rechnung ging voll auf. Denn beide Akquisitionen passen perfekt in das europaweite Expansionskonzept der Loosli-Truppe. Mit dem Markteintritt in Österreich steigerte Transgourmet, Europas zweitgrößter Gastro-Großhändler (hinter  Metro) seinen Umsatz um ca. 6,3%, komplettierte seine Marktpräsenz in der D-A-CH-Region und schaffte geografisch die Verbindung zum angrenzenden CEE-Raum. Vorteile ergeben sich daraus unter anderem in der Zusammenarbeit mit internationalen Gastro- und Hotelketten, die auf ein Zustellservice unter Einhaltung hoher Hygiene-Auflagen großen Wert legen. Beschaffungsseitig legen die Öko-bewußten Coop-Tochterfirmen allesamt großen Wert auf die Zusammenarbeit mit regionalen Frischwaren-Produzenten.

Beim Foodservice stärker als Metro

Stärkstes Atout von Transgourmet im internationalen Wettbewerb mit Metro ist der Bereich  Foodservice, die Lebensmittelzustellung an  Gastronomie und Großverbraucher. Europaweit belaufen sich die Transgourmet Umsätze auf 9,1 Milliarden CHF, davon entfallen mehr als 50% auf das Zustellgeschäft. Deutlich niedriger ist die Zustellquote der Metro, speziell auf dem deutschen Heimmarkt, wo das C&C-Geschäft bei weitem überwiegt.

Loosli über die Transgourmet-Kundenstruktur in den einzelnen Ländern: “In Österreich sind wir Marktführer im Gastronomie-Großhandel.  Ebenso in der Schweiz, wo Transgourmet mit großem Abstand vor der Konkurrenz den ersten Rang belegt. Dort sind 98% unserer Kunden Gastronomen, nur 2 % Händler. Auch in Frankreich dominiert das Geschäft mit den Gastronomie-Kunden. In Deutschland  hat das Großverbraucher-Geschäft mit der Sozialgastronomie,  dazu zählen Betriebskantinen, Spitäler, Heime und Schulen, einen besonders hohen Stellenwert.“ Ein weiterer Grundsatz der Schweizer: Strikte Trennung zwischen Einzel- und Großhandel. Transgourmet verzichtet rigoros auf Privatkunden, da hat Coop keine graue Konkurrenz zu befürchten und auch die Gastronomie schätzt diese klaren Grenzen.

Warum Bell an Huber Gefallen fand

Vom Gastro-Großhandel zur Lebensmittel-Produktion. Was hat die im Mehrheitseigentum der Coop CH befindliche und an der Züricher Börse notierte Bell AG veranlasst, bei Hubers Landhendl einzusteigen? Loosli gewährt Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Deals: “Wir kannten einander schon längere Zeit, denn Huber war schon früher ein Geflügel-Lieferant von Coop. Vor allem deshalb, weil das Unternehmen, was die Tierhaltung  in Österreich und in Deutschland betrifft, unseren hohen Schweizer Standards entsprochen hat.“ Als sich dann die Möglichkeit ergab, Huber zu erwerben, habe Bell zugegriffen.

Neue Betriebe in Vorarlberg, Oberösterreich, Niederösterreich

Auf die Akquisitions- folgt jetzt die Expansionsphase von Coop in Österreich. Dieser Tage nimmt in Schwarzach (Vorarlberg) der neue Transgourmet Gastrogrosshandel mit Abholmarkt und Zustell-Logistik-Zenrum den Betrieb auf. Und im September dieses Jahres läuft in Marchtrenk (OÖ) die Produktion von ultrafrischen Convenience-Salaten, -Gemüsemischungen, sowie Bircher Müslis und Frischesnacks an. Eigentümerin dieser, mit einem Investitionsaufwand von 30 Mio errichteten Fabrik ist die Firma Eisberg, die ebenso wie die Fertiggerichte-Produzenten Hilcona (Frischconvenience)  und Hügli (Trockenconvenience) zur Bell-Firmengruppe (Jahresumsatz 2017: 3.537 Mio CHF) gehört. Der Betrieb verfügt über ein Areal von  24.000m2 (das unmittelbar  an jenes der Spar ZN Marchtrenk grenzt) und beschäftigt bereits in der Startphase 100 Mitarbeiter.

Wie geht`s weiter?  Krems und Ybbs, die Donau-Handelsstädte, am Eingang und am Ausgang Wachau gelegen, sind als weitere Gastro-GH-Standorte von Transgourmet bereits  fixiert (siehe Bericht der Handelszeitung vor zwei Wochen). In Kreisen heimischer Fleisch- und Wurstproduzenten hält sich hartnäckig das Gerücht, Bell sei nach der Huber-Übernahme weiterhin auf Akquisitionstour. Loosli will sich dazu nicht äußern. Entschieden stellt der sportlich-drahtige Silver Ager Absichten „seiner“ Coop in Abrede,  in den österreichischen LEH (z.B. durch die Übernahme von Unimarkt)  einzusteigen. Die Gründe für diese Enthaltsamkeit liegen auf der Hand. Österreichs LEH ist stark überbesetzt, zugleich hoch konzentriert, zwei aggressive Diskonter schöpfen das äußerst bescheidene Wachstumspotential weitgehend ab. Da ist für einen auf Supermärkte fokussierten Detaillisten im wahrsten Sinn des Wortes „nichts zu verdienen“.

Daheim überholte Coop den Rivalen Migros 

Dass ausgerechnet eine Konsumgenossenschaft – im Digitalzeitalter könnte man von einem c2c –Unternehmen sprechen - im b2b Gastro-Großhandel und in der Lebensmittelproduktion europaweit reüssiert, ist in erheblichem Ausmaß dem strategischen Geschicke des Hansueli Loosli (Jahrgang 1955) verdanken. Dieser, ein  gelernte Buchhalter (offizielle Berufsbezeichnung: Eidgen. Dipl. Experte für Rechnungslegung und Controlling), startete seine Karriere bei Mövenpick, kam über die Waro AG im Jahr 1992 zur Coop Gruppe und stieg über mehrere Stationen bis 1996, als er zum CEO der Coop Gruppe berufen, wurde zur Spitze des Unternehmens auf. Seit 2011  ist er Präsident des Verwaltungsrates der Coop Gruppe Genossenschaft, dieselbe Funktion übt er auch bei den bedeutendsten Tochterfirmen, nämlich der  Bell AG, der Transgourmet Holding AG und der Coop Mineralöl AG aus. Weiters ist Loosli Verwaltungsratspräsident  der Swisscom und Beiratsmitglied  des Schuhfilialisten Deichmann. 

Bisherige Höhepunkt der Ära Loosli: Im  Jahr 2016 überholte „seine“ Coop den Rivalen Migros beim Umsatz. 2017 erreichte Coop einen Bruttoumsatz von 29,2 Mrd. CHF, Migros kam auf 28,0 Mrd. Beim eCommerce-Umsatz sieht sich Migros mit 1,97 Mrd. CHF  als „unbestrittene Nr.1“, im Coop-Jahresbericht  ist ein Online-Umsatz 2017 von 1.71 Mrd. CHF (allerdings netto) ausgewiesen. Hier liegt offensicht ein Kopf-an-Kopf-Rennen vor. Wobei anzumerken ist, dass Amazon  in der Schweiz viel weniger präsent ist als in Deutschland oder Österreich. Der jüngste eCommerce-Deal der Coop: Vor wenigen Wochen übernahm sie  von ihrem bisherigen Joint Venture Partner, der Swisscom deren  50%-Aktienpaket  am Internet-Marktplatz Siroop und fusionierte die nunmehrige 100%-Tochter mit ihrer Online-Handelsfirma Microspot. Swisscom bleibt weiterhin Partner  für Technik und Vertrieb.

Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Schweizer Platzhirschen im Langzeit-Vergleich: Die Migros ist bei ihrer Auslandsexpansion  im vergangenen Jahrhundert dreimal  gescheitert.  1933 in Deutschland (als dort die Nazis an die Macht kamen), 1975 in der Türkei (nach 20 Jahren Marktpräsenz) und 1995 in Österreich. Bei Auswärtsspielen ist die Coop jedenfalls erfolgreicher.

o 2017 erreicht die Handelsumsätze der Migros im Ausland (Migros France, Tegut in Deutschland) einen  Umsatz von  1,77 Mrd. CHF, dazu kommen die Exporte der Migros- Industriebetriebe in Höhe von 901 Mio CHF, macht zusammen rund  2,67 Mrd. CHF. Das sind rund 9,1% des Gesamtumsatzes.

o Die Coop unter Loosli hingegen erzielte  2017 dank Transgourmet und Bell einen Auslandsumsatz von 8,7 Mrd. CHF, das sind 30,8% des Gesamtumsatzes. 

Was die Ertragslage betrifft, sind beide Unternehmensgruppen nicht gerade auf Rosen gebettet, wie sich das für eine Genossenschaft auch gehört: Aber während das EBIT der Migros von  2016 auf 2017 von 642  Mio CHF auf 325 Mio CHF herunterrasselte, blieb jenes der Coop im Jahr 2017 mit  806 Mio CHF auf Vorjahresniveau.               

Hanspeter Madlberger

 

Coop Schweiz in Zahlen

Jahr: 2017

Angaben in Schweizer Franken (CHF)

Umrechnungskurs: 1 € = 1,111 CHF

 

Das Unternehmen:

Coop Gruppe Genossenschaft Basel

inkl. der 100%-Töchter Transgourmet Holding AG

Coop Mineralöl AG

und der in Mehrheitseigentum befindlichen, börsenotierten  Bell Food Group AG

 

1. Gesamtumsatz der Gruppe:

Gesamtumsatz brutto: 29.207 Mio  (= 26.289 Mio €)

Gesamtumsatz netto:  28.152 Mio (+3,5% vs. 2016)

davon Schweiz:          19.476 Mio (69,2%)

           Ausland:          8.676 Mio (30,8%)

 

Nettoumsatz nach Vertriebssparten:

Einzelhandel: 17.405 Mio (61,8% des Gesamt-Außenumsatzes) +1,4% vs. 2016

Großhandel und Produktion: 13.006 Mio, +6,2% vs. 2016

davon Außenumsatz: 10.748 Mio (38,2% des Gesamt-Außenumsatzes)

          unternehmensinternen Lieferungen: 2.258 Mio

 

2. Einzelhandelsumsätze (ausschließlich Schweiz):

Coop Supermärkte: 10.326 Mio

Fach-EH –Formate: 7.079 Mio

Gesamt: 17.405 Mio (+1,4% vs. 2016)

 

Nettoumsätze im Online-Handel:

Gesamt: 1.712 Mio

davon Einzelhandel (ausschließlich Schweiz): 676 Mio

davon Lebensmittel (Coop@home) 142 Mio

            Nonfood (microspot etc.)  534 Mio

            davon Heimelektronik: 432 Mio

Großhandel und Produktion: 1.036 Mio

 

Umsätze mit nachhaltigen Sortimenten:

Nachhaltigkeitsumsatz 4,3 Mrd.  (+10,4% vs. 2016)

davon Bio-Lebensmittel: 1.389 Mio (+10,9%)

           Fairtrade-Produkte:  500 Mio (+8,5%)

 

3. Großhandelsumsätze (= Transgourmet Gruppe):

Transgourmet Gruppe gesamt: 9.087 Mio

davon:

Zentral- und Osteuropa (einschließlich Deutschland): 5.668 Mio

Frankreich: 1.335 Mio

Schweiz: 1.518 Mio

Österreich: 568 Mio (=538 Mio €)

 

Verkaufsflächen Transgourmet (Abholmärkte):

Zentral- und Osteuropa:  831.767 m2

Schweiz: 123.419 m2

Österreich: 51.915m m2

(Transgourmet Frankreich hat nur Zustell-Gastro GH)

 

4. Produktionsunternehmen

Gesamtumsatz: 4.296 Mio

davon Bell Food Group: 3.537 Mio

            Coop Produktionsbetriebe: 759 Mio            

 

5. Investitionen

in Österreich

2016, mit Akquisition  C+C Pfeiffer durch Transgourmet: 191 Mio  CHF

2017: mit Akquisition Hubers Landhendl durch Bell: 58 Mio CHF

 

Gesamte Investitionen der Gruppe 2017

Schweiz: 920 Mio

Ausland: 361 Mio

Gesamt: 1.281 Mio

 

6. Jahresergebnis 2107  der Coop Gruppe

EBITDA: 1.994 Mio (=7,1% vom Nettoumsatz)

EBIT: 806 Mio  (= 2,9% vom Nettoumsatz)

Gewinn: 485 Mio (= 1,7% vom Nettoumsatz)

 

Eigenkapital: 9.339 Mio  (47,9%  Anteil am Gesamtkapital

Eigenkapital-Rendite (Gewinn in % EK): 5,2%

 

Wertschöpfungsrechnung:

Nettowertschöpfung = Bruttoertrag (Nettoumsatz minus Wareneinsatz): 6.605 Mio

= 23,2%  vom Nettoumsatz

davon fließen:

71.1%  in Form von Löhnen und Gehältern an die Mitarbeiter

18,2%  in Form von Steuern und Abgaben an die Öffentliche Hand

  1,3% in Form von Zinsen an Kreditgeber

  9,4% als Gewinn an das Unternehmen (Selbstfinanzierung)

 

Die Steuern auf das Einkommen betragen 19,1% des Jahresgewinns.

 

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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