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Warum 2020 für unseren Handel jede Menge Chancen bereithält

14.01.2020

Das beginnende zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts steht im Zeichen der Klimakrise und ihrer Bekämpfung durch CO2-Neutralität. Große Anstrengungen sind erforderlich, um die globale Umweltkatastrophe abzuwenden, die uns Industriezeitalter, Regenwaldzerstörung und Globalisierung eingebrockt haben. Die 20er Jahre werden daher von einem tiefgreifenden Wandel in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft geprägt sein. Der Handel bringt, weil genetisch auf Flexibilität programmiert, ideale Voraussetzungen mit, um in der künftigen Wertschöpfungskette der Wirtschaft als Vorreiter und Treiber des ökosozialen Wandels zu agieren.

Transparenz auf der politischen Bühne ist eines der Hauptziele des Kabinetts Kurz/Kogler. Transparenz ist auch das erste Gebot, wenn es darum geht, die Ursachenstränge zwischen Wirtschaft und Klimakrise festzumachen. Vor allem muss klargestellt werden, welche Sektoren der Wirtschaft die ärgsten Klimasünder sind und welche Unternehmensgruppen den viel strapazierten Ansprüchen ökosozialen Wirtschaftens am besten gerecht werden. Denn die Hauptverantwortung dafür, dass bei uns in Sachen Klimaschutz endlich etwas weitergeht,  trägt die Wirtschaft. Täter und Sanitäter im Ringen um die Klimarettung klar zu benennen, ist die Voraussetzung für zielführende steuerliche und legislative Maßnahmen durch den Staat. 

Eine Aufgabe, die schwierig genug ist, gilt es doch, im Sinne der öko-sozialen Idee, den radikalen ökologischen Umbau der Wirtschaftsstrukturen umzusetzen, ohne dabei die ethischen Maximen des Wohlfahrtsstaates aufzugeben. Der „New Green Deal“, den die neue EU Kommissionspräsidentin postuliert, setzt da auch für Österreich einen wegweisenden Markstein. Das vom VP-Steirer Josef Riegler konzipierte Modell der ökosozialen Marktwirtschaft passt wie maßgeschneidert ins politische Programm des steirischen Ökonomen Werner Kogler und seiner Öko-Mitstreiterin Leonore Gewessler, die im steirischen Salzkammergut daheim ist. 

Handel als Nachhaltigkeits-Vorreiter

Schon die letzten Jahre haben gezeigt, dass kein anderer Wirtschaftszweig der von der Klimadiskussion befeuerten weltweiten Ökologiebewegung so viele ökonomische Impulse beisteuert wie die FMCG-Retailer. In seiner „Neujahrsbotschaft“ stellt LZ-Chefredakteurin-Stellvertreter Bernd Biehl fest, die Ernährungsbranche und mit ihr der Handel gehörten zu den Vorreitern in Sachen Nachhaltigkeit in der Wirtschaft. Und Biehl führt als Beispiel an: „Aldi arbeitet schon klimaneutral“.

Während sich Klimasünder aus der Erdöl- und der Automobilbranche vor allem mit Green Washing-Kampagnen hervortun, wird Green Marketing vielerorts im Einzelhandel der D-A-CH-Region praktiziert. Insbesondere sind es in den drei Ländern die großen LEH-Ketten, die sich als Taktgeber für ein Nachhaltigkeits-Marketing entlang der gesamten Ernährungsbranche „vom Hof zum Herd“ erweisen. Unbestritten ist die Rolle der Bio-Handelsmarken als Wegbereiter der Bio-Landwirtschaft. Als Mittler zwischen Produzenten und Konsumenten kann der Handel mit seinen Sortimenten und seiner Kommunikation viel dazu beitragen, dass seine Kunden klimafreundlich einkaufen. Rund ein Drittel der Verbraucherschaft outet sich in unseren Breiten als erklärter Öko-Shoppertyp.

Green ECR Deal in der Food Supply Chain

Solcherart stellt sich die dringende gebotene Harmonisierung zwischen Ökologie und Ökonomie in der  Lebensmittelwirtschaft als ein breit gefächertes ECR-Projekt, als Green Deal zwischen Lebensmittelhandel, Lebensmittelindustrie und Landwirtschaft dar. Weniger Massentierhaltung und mehr Tierwohl in der Fleisch- und Geflügelmast. Aufbau starker regionaler Herkunftsmarken beim Gemüse. Innovationen in der heimischen Industrie, die Frisch-Convenience mit biologischem Mehrwert der Inhaltsstoffe verbinden. Die Plattform Lebensmittel wertschätzen des Handelsverbandes und seiner Mitglieder Rewe, Spar, Hofer, Lidl, Metro, Transgourmet, Unimarkt und Dennree Naturkost zusammen mit der Aktion Land schafft Leben. Regional inspirierte Ladengastronomie in den Shopping Centers in Kooperation mit dem AMA-Netzwerk Kulinarik. Das sind nur einige der  Leuchtturm-Projekte, die unsere Food Value Chain jetzt in Angriff nehmen sollte. Wenn ein Weltkonzern wie Nestle aus der Herta-Wurstproduktion aussteigt und in „Beyond Meat“ investiert, ist das auch ein Signal an Vivatis & Co. Willkommener Nebeneffekt: Für all diese Vorhaben sind hochqualifizierte (und deshalb auch gut zu bezahlende) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefragt. Klar, dass die Lehrlingsausbildung für den LEH heutzutage nicht nur digitale, sondern auch ökologische und gastronomische Fächer aufzuweisen hat.         

Guter Draht der Händler zu Türkis-Grün

In diesem Zusammenhang ist der gute Draht namhafter heimischer Händler zur neuen türkisgrünen Regierung hervorzuheben. Rewe und Spar arbeiten seit gemeinsamer Gründung der ARGE Gentechnikfrei mit Global 2000 zusammen, deren langjährige Chefin Leonore Gewessler jetzt das Umwelt- und Infrastrukturministerium leitet. Greenpeace zeichnete Interspar als die nachhaltigste Supermarktkette aus. Monika Langthaler, dem grünen Lager nach ihrer Parteikarriere als Beraterin weiterhin eng verbunden, organisiert seit Jahren die Nachhaltigkeitswochen der Rewe. Diese sponsert auch in der Aera Haraszti die  „Wintertagung“ des VP-nahen Ökosozialen Forums, die kommende Woche unter dem Titel „Von Almen zu Palmen. Die Agrarpolitik im (Klima-)Wandel“ über die Bühne gehen wird.  Spar-Chef Gerhard Drexel und der VP-Bauernbund kämpfen Seite an Seite gegen das Mercosur-Abkommen der EU. Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbandes pflegt ausgezeichnete Kontakte zu Kanzler Sebastian Kurz. Lediglich die Zusammenarbeit unseres Handels mit Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger ist trotz des Fairnesspaktes noch ausbaufähig. Die Kärntner Bauerntochter tischte am 10. Jänner im Interview mit der „Presse“ die anscheinend in Stein gemeißelte Bauernregel auf, wonach „die Handelskonzerne eine Übermacht gegenüber den Landwirten“ hätten, „die inzwischen existenzbedrohend“ sei. Hofer-PR-Konsulent Wolfgang Rosam, ebenfalls Kärntner, könnte in dieser Angelegenheit vielleicht als Ezzesgeber von Sebastian Kurz eine Sachverhaltsdarstellung beisteuern. Übrigens, noch im Jänner wird BWB-Generaldirektor Theo Thanner – Gratulation zum runden Geburtstag! - den EU-Standpunkt betreffend die UTP Richtlinien über unlautere Handelspraktiken vorstellen und erläutern.

Köstinger ist aber auch zuständig für die wirtschaftliche Entwicklung im ländlichen Raum und da gibt es eine große inhaltliche Schnittmenge zwischen Politik und regional aufgestellten Händlern wie Kastner oder Kiennast im Osten und MPreis oder Sutterlüty im Westen. Gleiches gilt für die Kaufleute von Adeg (sie stellt mit Peter Buchmüller auch den Obmann der Sparte Handel in der WKÖ), Spar und Nah&Frisch. Den KMU-Händlern ist existenzbedrohende Übermacht gegenüber den genossenschaftlich organisierten Bauern sicher nicht vorzuwerfen. Kämpfen die beiden mittelständischen Berufsgruppen doch in Sachen klimaschonender Nahversorgung Schulter an Schulter.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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