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Statt aus anderen Ländern, kommen immer mehr Winter-Paradeiser aus dem Glashaus

We are biotiful: Innovation blühen im Obst- und Gemüse-Geschäft

11.06.2018

Beim Stichwort „Marketing-Innovationen“ denken wir an Gesichtscreme, Smoothie und Waffelriegel. Wieviel Innovations-Potential das Obst- und Gemüse-Sortiment bereithält,  lässt die folgende  kleine Auswahl an aktuellen Meldungen erahnen, die wir dem täglich in Deutschland erscheinenden Informationsdienst „Fruchtkontor“ entnommen haben.

Da geht’s nicht nur um neue  Sorten, neue Anbaumethoden  und neue Verpackungen sondern auch um verkaufsfördernde Öko-Informationen und Werbeslogans:

Beste Obst- und Gemüse-Abnehmer sind Bio-Tonne und Komposthaufen!

Eine Studie, die GfK kürzlich in Deutschland im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) durchführte, ergab:  34% der vermeidbaren Lebensmittelabfälle in deutschen  Haushalten entfallen auf Obst und Gemüse. Damit belegt das Grüne Sortiment Rang 1 im Wegwerf-Ranking. An zweiter Stelle folgen Brot und Backwaren mit 14% Anteil.

Nach wie vor werden zu viele frische Lebensmittel weggeworfen, aber auch zubereitete Mahlzeiten wandern statt auf den Teller in den Abfalleimer. Fast die Hälfte der Abfälle wird von den Befragten selber als „vermeidbar“ eingestuft. Sollten sie alle zur Tat schreiten, käme das einem Freudentag für Mutter Erde und - zumindest kurzfristig gesehen - einem schockierenden Umsatzeinbruch für Bauern, Frisch-Convenience-Produzenten und Händler gleich.

Der dynamische FreshIndex, ein Beitrag zur Lösung des MHD-Problems?  

Dass so viele Lebensmittel weggeworfen statt verzehrt werden, hängt nicht unwesentlich mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) zusammen, das von vielen Verbrauchern  fälschlicherweise als Ablaufdatum betracht wird. Am 23. März dieses Jahres wurde auf der Anuga Food Tec in Köln  das Projekt FreshIndex vorgestellt Dessen Grundidee besteht darin, dass das MHD nicht schon bei der Produktion unter Heranziehung einer konstanten Maximaltemperatur  fix festgelegt, sondern entlang der Lieferkette aufgrund der tatsächlichen Bedingungen laufend modifiziert wird. So errechnet sich beispielsweise beim Schweinefleisch der Frischegrad eines Produktes auf Basis der Hygienedaten des Herstellers und der tatsächlich gemessenen Temperaturen während des Logistikprozesses (Transport und Lagerung. Dabei werden alle mikrobiologischen Prozesse durch mathematische Modelle abgebildet. Der daraus resultierende, dynamische FreshIndex gelangt mit Hilfe einer Cloud-Applikation  an jede gewünschte Stelle der Lieferkette. Auf diese Weise kann laufend eine Nachricht über den tatsächlichen Frischegrad  der Ware abgerufen werden. Der aktuelle FreshIndex  lässt sich per App ablesen und digital anzeigen. Etwa bei der Warenübernahme im Großhandel,  auf digitalen Preisschildern im Laden oder im Online-Lebensmittel-Shop.

Das FreshIndex-Projektkonsortium wird von der tsenso GmbH (steuert die Simulationsmodelle bei) geleitet, weitere Partner sind arconsis IT-Solutions,(Sensoren), bwcon e.V. (Netzwerkmanagement), GS1 Germany (Identifikation), die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (Kundenakzeptanz), Metro Deutschland (Großhandel) und die Universität Bonn (Hygiene-/Messdaten). Das Projekt wird vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und ist auf zwei Jahre angelegt. Am Ende werden zwei Praxistests durchgeführt, die Auskunft über die Realisierbarkeit einer Implementierung des FreshIndex geben sollen.

Gewächshäuser für Winter-Paradeiser boomen

Immer mehr Handelsriesen in Mitteleuropa lachen sich ein Mega-Glashaus im Inland als ganzjährigen Tomaten-Lieferanten an. Was das Zeiler-Glashaus in Enzersdorf a/d Fischa   (78.000m2, 4.000 to Jahresproduktion) für unsere Rewe, das Frutura Thermal-Glashaus im steirischen Bad Blumau (120.000m2 , 6.000 to Tomaten, Paprika und Gurken) für unsere Spar, ist das in Bau befindliche Gemüsering –Gewächshaus  in Zorbau (Sachsen-Anhalt) für die Verbrauchermarktkette Kaufland. Auf einer Fläche von 80.000m2 werden ab November 2018 jährlich  rund 3.000 Tonnen Tomaten geerntet, verpackt und an die über 650 Kaufland-Filialen geliefert. Die intelligente Nutzung von Abwärme eines benachbarten Großbetriebes, ein geschlossener  Regenwasser-Kreislauf, bedarfsorientierte Düngung, Bestäubung durch Hummeln und Schädlingsbekämpfung durch Schlupfwespen werden als Nachhaltigkeits-Vorteile dieses Konzepts ins Treffen geführt.

Wie das Bayerische Fernsehen kürzlich berichtete, bedecken Gewächshäuser im fränkischen „Knoblauchland“, einem Hotspot der Gemüseproduktion in Süddeutschland, bereits eine Fläche von fast 100 Hektar.  Hauptgrund für den Ausbau der Intensivlandwirtschaft: Im Gewächshaus sind die Hektarerträge im Schnitt neunmal so hoch wie  am Freiland. 

Colryt kreiert eigenes Label für noch-nicht-Bio

Das belgische Landwirtschaftsunternehmen De Lochting in Roeselare erweitert seine Bio-Produktion. Der Umstellungsprozess von konventionell auf Bio dauert zwei Jahre und um den Lieferanten bei diesem finanziellen Kraftakt zu unterstützen, hat der Filialist Colryt  für diese noch-nicht-Bio-Ware die Eigenmarke Boni Selection mit dem Vermerk: “In Umstellung“ geschaffen. Für die Produkte aus der Umstellungsphase garantiert der Händler dem Erzeuger einen höheren Preis. Sobald die  Bio-Zertifizierung vorliegt, tragen die Artikel den Markennamen Boni Selection Bio.

Colryt betreibt  neben den „normalen“ Supermarkt-Filialen ein Netz an Bio-Supermärkten  unter dem Label Bio-Planet.  Deren Anzahl soll in nächster Zeit auf 50 erhöht werden.Dieser Tage läuft in Belgien die nationale Kampagne „We are biotiful“, an der neben Colryt auch andere Handelsformate wie Spar teilnehmen.    

Wie beeinflusst der Brexit die EU-Lebensmittel-Exporte?

Schadensbegrenzung  ist im Lebensmittel- und Landwirtschaftssektor des Vereinigten Königreichs angesichts des bevorstehenden Austritts aus der EU angesagt. In einem „Food Supply Chain Manifesto“  fordern über 100 Organisationen der britischen  Lebensmittel-Lieferkette, dass der Umfang der bestehenden Food & Drink-Warenströme auch nach dem Brexit nach Möglichkeit beibehalten werden. Die Ausgangslage: 2016 bezog das Vereinigte Königreich 70% seiner Importe an Lebens- und Futtermitteln sowie Getränken aus Ländern der EU, im Gegenzug  entfielen 60% der UK-Exporte  in diesen Warengruppen auf Lieferungen in EU-Länder. Für die Briten geht es um die Versorgungssicherheit, die Landwirtschaft am Kontinent befürchtet verstärkte Exportbemühungen  des EU-Mitglieds Irland infolge schrumpfender Absatzmärkte in UK.

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