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Wir freuen uns über jedes Zehntelprozent

02.10.2009

Frank Hensel, Vorstandsvorsitzender der Rewe International AG, über Marken-politik, die Krise und ihre Auswirkungen sowie Zufriedenheit im Business. e-mail-interview: max pohl

Frank Hensel sieht eine Tendenz zu Produkten im Preiseinstiegssegment: „Darauf haben wir mit einer adaptierten Angebots- und Sortimentspolitik reagiert.“

handelszeitung: Herr Hensel, Sie haben beim Lebensmittelkongress einen interessanten Vortrag über das Spannungsfeld Markenartikel/Eigenmarken gehalten. Könnten Sie für unsere Leser die Kernaussagen in einigen Sätzen zusammenfassen?
Frank hensel: Der Erfolg eines Lebensmittelhändlers liegt – unter anderem – in der kundenorientierten Sortimentsgestaltung. Neben erfolgreichen Industriemarken bieten wir hier auch Eigenmarken zur Vervollständigung des Angebots an. Einige unserer Eigenmarken sind aus Marktnischen heraus entstanden – wie beispielsweise Ja! Natürlich oder Chef Menü. Lieferanten vonseiten der Industrie, die Bioprodukte oder Convenienceartikel angeboten hätten, gab es bei deren Einführung Mitte der 90er schlicht und einfach nicht. Außerdem gibt es Marken, die wir für strategische Zwecke nutzen. Beispielsweise haben wir kurz vor der Jahrtausendwende – aufgrund des Wachstums der Diskonter – clever als Instrument im Preiseinstieg gelauncht. Heute sind unsere Marken in vielen Bereichen Innovationstreiber – z. B. bei den GDA (Guideline Daily Amounts; Anm.), der Nährwertkennzeichnung oder bei Verpackungen. Das hat sie zum fixen Bestandteil in unserem Sortiment gemacht – und einige gehören sogar bereits zu den bekanntesten und beliebtesten Österreichs.
Eigenmarken werden bei Rewe Group im Bereich des Preiseinstiegs, der Mittelpreislage und im Premiumbereich platziert sowie spezielle Themenfelder – vor allem Mehrwertsegmente wie Bio, Convenience, Gesundheit und Beauty – besetzt. Wir denken diesbezüglich gesamtheitlich für unser Sortiment: Was ist das Beste für die Warengruppe, was ist das Beste für den Gesamtumsatz und -ertrag und vor allem: Was ist das Beste für den Kunden?
Jede Eigenmarke muss daher auch das Kategoriewachstum treiben. Ich möchte hier betonen: Unser Erfolg liegt im profitablen Mix von starken Industriemarken und gut geführten Eigenmarken. Denn egal ob die Marke von der Industrie oder aus unserem Haus stammt, der Kunde muss schlussendlich mit den Produkten zufrieden sein.

Themenwechsel: Wie steht es bei den Verhandlungen mit der AMA bezüglich Gütesiegel für Rewe-Fleisch? Wird es heuer noch zu einem positiven Abschluss kommen bzw. woran spießt es sich noch?
Wir stehen derzeit noch in Verhandlungen mit der AMA, wir streben jedoch einen baldigen positiven Abschluss an.

Der Zusammenschluss von Rewe und Adeg ist laut RegioPlan hauptverantwortlich für den Flächenrückgang im LEH. Sehen Sie die Expansion in Österreich generell als abgeschlossen bzw. wird in Hinkunft die Flächenproduktivität wieder mehr im Vordergrund stehen?
Die Flächenproduktivität ist für uns immer eine sehr wichtige Kennzahl, die im Vordergrund steht. Wir sind stolz darauf, dass wir unseren Umsatz 2008 von 5,62 Milliarden Euro und das Wachstum von 15,40 Prozent im heimischen Lebensmittelhandel großteils auf bestehender Fläche erzielen konnten. Wir haben mit unserer Modernisierungsoffensive bei Billa und Merkur in den vergangenen Jahren starke Akzente gesetzt, diese werden wir auch in den nächsten Jahren mit Nachdruck vorantreiben.
Wir sehen zusätzlich aber noch immer Potenzial – wenngleich kein überaus großes –, im heimischen Lebensmittelhandel weiter quantitativ zu wachsen. Heuer sind beispielsweise rund 20 neue Billa-Eröffnungen geplant. Und auch nächstes Jahr investieren wir in neue Flächen: Sie können sich etwa auf drei bis vier Merkur-Neueröffnungen freuen.

Im Vorjahr gab es im LEH – preisbedingt – ein Plus von 4,2%, im ersten Halbjahr 2009 immerhin noch +1,3%, wobei Nielsen im Juli 2009 wieder ein Wachstum von über 4% ausweist. Würden Sie den LEH als Krisengewinner bezeichnen?
Sicherlich, essen muss der Mensch immer – egal in welcher Wirtschaftslage –, und wir profitieren natürlich auch von der Reduktion des Außer-Haus-Verzehrs. Aber die Rahmenbedingungen am Markt waren auch für uns sehr herausfordernd. Wir sehen Veränderungen in der Nachfrage, so gibt es beispielsweise seitens der Kunden eine Tendenz zu Produkten im Preiseinstiegssegment. Darauf haben wir mit einer adaptierten Angebots- und Sortimentspolitik reagiert. Für uns lautete die Devise, gerade in diesen Zeiten die Ärmel hochzukrempeln. Wir haben heuer – trotz der Wirtschaftslage – erhebliche Investitionen getätigt. Denn gerade in herausfordernden Zeiten kann ein Investment in Innovationen und Qualität zusätzliche Erträge bringen. Innovationen und Qualität sind die beste Zukunftsversicherung, die es gibt. Wir sehen uns deshalb auch in der glücklichen Lage, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz zu bieten.

Adeg integriert, Modernisierungsoffensiven bei Billa und Merkur auf Schiene. Was würden Sie als die nächsten größeren „Baustellen“ bei Rewe International AG bezeichnen?
Die Eingliederung der Adeg AG ist im Jahr 2009 eines unserer Großprojekte, und wird es auch in den folgenden Jahren sein. Zusätzlich werden – neben Investitionen in Expansionsprojekte und Modernisierungen – unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unser sehr umfassendes Projekt Nachhaltigkeit bei uns weiterhin im Mittelpunkt stehen. Wir sehen nachhaltiges Handeln nämlich nicht als einen Trend, den sich derzeit viele auf die Fahnen heften, sondern als wichtigen Bestandteil der Unternehmensstrategie. Das heißt, wir treffen Entscheidungen auf Basis einer nachhaltigen Herangehensweise – das reicht vom Sortiment, über diverse Prozesse zur Förderungen unserer Mitarbeiter bis zur Bauweise unserer Filialen.

Die Adeg mit eingerechnet hat Rewe International AG nach Niel­sen (und inkl. Diskonter) im heimischen LEH einen Umsatzmarktanteil von knapp 35%. Welches Ziel peilen Sie diesbezüglich bis 2010 an?
Natürlich ist es unser Ziel, unseren Marktanteil weiter zu festigen und mit organischem Wachstum auszubauen – im In- als auch im Ausland. Dabei wird aber das Wachstum, aufgrund des hohen Marktanteils in Österreich, überproportional im Ausland erfolgen. Wir möchten den Wirtschaftsstandort Österreich weiter stärken und unsere Präsenz im Ausland verdichten, unsere Position als einer der Topsupermärkte in CEE und Italien werden wir dadurch noch weiter ausbauen. Mittels dieser Maßnahmen werden wir unseren Mitarbeiterstand sogar noch weiter erhöhen können.

Letzte Frage: Ihr Vorgänger Martin Lenz meinte einst, ihm sei die im Jahr 2005 von der Rewe Group Austria erwirtschaftete Rendite von 2,6% „nicht genug“. Wie viel ist Ihnen „genug“?
Genug ist für mich, wenn wir erfolgreich, nachhaltig und qualitativ zum Wohle unserer Kunden, Mitarbeiter und Anteilseigner wachsen. Wir orientieren uns hier an langfristigen Zielen und unterwerfen uns nicht kurzfristigen Ergebnisoptimierungen. In diesem Sinne gibt es keinen fixen Prozentsatz. Sollten wir aber – unter diesen Gesichtspunkten – unsere Gewinnmargen steigern können, freuen wir uns über jeden Zehntelprozentpunkt mehr. Denn ein höherer Gewinn ermög­licht es uns, noch kräftiger in unsere Expansion, in unsere Mitarbeiter und unsere Nachhaltigkeitsprojekte zu investieren.

Danke für Ihre Auskünfte!

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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