Direkt zum Inhalt

„Wir wollen heuer 80 Genussregionen haben“

14.02.2007

Landwirtschaftsminister DI Josef Pröll im Gespräch mit LK-Handelszeitung über Weichenstellungen in der Agrarpolitik, Projekte zur Förderung regionaler Strukturen und den Lebensmittelhandel.

LK-Handelszeitung: Herr Minister, nach jüngsten Daten gibt es erstmals eine positive Agrar-Handelsbilanz. Worauf führen Sie diesen Erfolg zurück?
Pröll: Dieser Erfolg ist auf zwei Schlüsseldaten zurückzuführen – auf den EU-Beitritt Österreichs im Jahr 1995 und die EU-Erweiterung um zehn Länder im Jahr 2004. Diese Meilensteine haben wir genützt, um unsere Produkte im Ausland zu präsentieren und in diese Märkte zu gehen. Nach Deutschland und Italien nach unserem EU-Beitritt sowie mit der Export-Offensive in den Osten nach der EU-Erweiterung. Das hat sich ganz offensichtlich ausgezahlt.
Österreichs Bauern bekommen in der neuen Legislaturperiode 2007 bis 2010 mehr Geld aus Brüssel. Wieviel und wie wird es eingesetzt?
Für die Periode 2007 bis 2010 stehen von der EU für Marktordnungszahlungen 3,45 Mrd. Euro und für die Ländliche Entwicklung 2,33 Mrd. Euro zur Verfügung. Dazu kommen noch 3 Mrd. Euro aus dem Grünen Pakt. Eingesetzt werden diese Mittel in drei Bereichen: Bergbauernprogramm, Umweltprogramm und Investitionsoffensive für bäuerliche Betriebe.
Es heißt, Österreich sei Europameister im Bio-Bereich. Aber die Nachfrage übersteigt das heimische Angebot.
Im Umweltprogramm gibt es einen klaren Fokus: Bio wird auch in Zukunft unterstützt. Wir müssen jetzt dazu übergehen, dass sich die bäuerlichen Betriebe der Nachfrage entsprechend einstellen. Das heißt, wir werden mehr Geld für Verarbeitung und Vermarktung zur Verfügung stellen. Unser Motto heißt: Volle Kraft auf die Platzierung österreichischer Bio-Produkte im In- und Ausland.
Laut Regierungsprogramm sollen in Zukunft mehr Möglichkeiten für bäuerliche Direktvermarkter in der Gewerbeordnung geschaffen werden. Wie stellen Sie sich das konkret vor?
Es ist ja schon lange ein Streit im Gange, was Bauern direkt vermarkten dürfen. Wir wollen, dass diese Diskussion vorangetrieben wird, natürlich gemeinsam auf Sozialpartner-Ebene. Es wäre jedenfalls klug, hier einen Kompromiss zu finden. Wir wollen auch integrative Projekte im ländlichen Raum unterstützen, etwa Kooperationen von Bauern, Gewerbe, Nahversorgung und Tourismus, um regionale Merkmale zu unterstreichen.
Wie wird es mit der Initiative „Genuss Region Österreich“ weitergehen?
Wir wollen weiter organisch wachsen. Wir haben bis jetzt 60 und wollen heuer auf 80 Genussregionen kommen. Die Idee ist, Lebensmittel mit einer Region zu verknüpfen und weit über den kulinarischen Aspekt hinaus bis hin zum Tourismus einen integrativen Ansatz zu finden.
Wird die Gentechnik in Österreich weiterhin ein Tabu bleiben?
Wenn´s nach mir geht, ja! Wenn´s nach der EU oder der WTO geht, eher nein. Das wird eine große Herausforderung für die nächsten Jahre werden, hier standzuhalten. Mein Standpunkt ist klar: Gentechnik bringt uns überhaupt keine Vorteile, sie bringt aber wesentlich mehr Gefahren.
Die Kennzeichnung von Lebensmitteln ist für viele Konsumenten nicht mehr überschaubar. Wird es zu einheitlichen Richtlinien kommen?
Bei der Bio-Kennzeichnung ist es uns gelungen, vier Verbände bei Bio Austria zusammenzuführen, das war ein gewaltiger Schritt. Was Sie ansprechen, ist eine Debatte auf europäischer Ebene, die Frage, verpflichtend, fakultativ, obligatorisch Bio-Kennzeichnung mit einer einheitlichen europäischen Regelung einzuführen. Bei uns hat sich das AMA-Gütesiegel bewährt, es ist auch ein Teil unserer Erfolgsgeschichte im Export. Ich sehe es als Aufgabe, ein Lebensmittelpremium mit Bio an der Spitze zu etablieren, aber auch eine starke tragfähige Mittelschicht im Bereich der verschiedenen Markenprodukte, auch die Genussregion fällt da hinein, und dann eine breite Basis an klar kontrollierten landwirtschaftlichen Produkten, die diese Pyramide auch tragen.
Wird die Agentur für Ernährungssicherheit bestehen bleiben?
Die Agentur für Ernährungssicherheit wurde gegründet mit dem Ziel eine sichere Lebensmittelkette vom Feld oder vom Stall bis hin zum Teller zu organisieren. Das war ein schwieriger Prozess, aber die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine tolle Performance hingelegt, die Ages ist zu einer Einheit aus verschiedenen Bundesstellen zusammengewachsen. Es gibt auch ausreichend Geldmittel, die Finanzierung ist weiterhin gesichert.
Der heimische Lebensmittelhandel besinnt sich vermehrt auf österreichische Erzeugnisse. Auf der anderen Seite wächst durch die hohe Konzentration der Druck auf die Erzeuger. Sehen Sie mehr Chancen oder mehr Gefahren?
Wir haben eine starke Verdichtung im Bereich des Lebensmitteleinzelhandels, diese Konzentration ist da. Aber durch diese Neuburger-Geschichte ist ein Thema aufgekommen, das schon gezeigt hat: „Liebe Freunde, alles geht auch nicht.“ Das halte ich für ganz wichtig, dass sich jetzt bei den Handelsketten etwas Positives bewegt. Verstärkt österreichische Produkte zu forcieren und Regionalität zu betonen, ist aber nicht etwas, was die Politik erzwingt oder der Handel aus Gutmütigkeit macht, sondern weil die Menschen danach fragen.

Danke für das Gespräch!
Interview: Max Pohl

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
Werbung

Weiterführende Themen

Industrie
28.09.2020

Nach fast 20 Jahren wurde das schon etwas in die Jahre gekommene Design zeitgemäß überarbeitet und präsentiert sich mit klar strukturiertem Logo.

Markenartikel
28.09.2020

Ganz im Einklang mit der Nachhaltigkeitsstrategie von Nutricia Milupa wird ab Oktober ein Teil des Aptamil Portfolios in Bio-Qualität angeboten. Damit geht Nutricia Milupa auf den Wunsch ...

Die Wiener Tafel, mit 21 Jahren die älteste heimische Tafelorganisation, fungiert als Schnittstelle zwischen Lebensmittelspenden und bedürftigen Menschen. Darüber hinaus will man die unnötige Entsorgung genießbarer Lebensmittel in Privathaushalten durch Informationen und mehr Vertrauen in die eigenen Sinne bekämpfen.
Thema
28.09.2020

Am 29. September ist der 1. International Day of Awareness of Food Loss and Waste, den die UN ins Leben gerufen hat. Damit macht die UN verstärkt auf das Problem der Lebensmittelverschwendung ...

Das Land Oberösterreich und Spar setzen ein starkes Zeichen für ein „GewaltFREIES Leben“: Jakob Leitner, Geschäftsführer der Spar-Zentrale Marchtrenk, Sozial-Landesrätin Birgit Gerstorfer (Mitte), sowie Natascha Wimberger (l.), Marktleitung im Eurospar Passage City Center, und ihre Stellvertretung Rebecca Reischl (r.).
Thema
28.09.2020

„GewaltFREIES Leben – auch für Sie!“. So heißt die neue Informationskampagne des Landes Oberösterreich gemeinsam mit der Spar-Zentrale Marchtrenk. In über 250 Spar- und Eurospar-Märkten werden ...

Hofer-CEO Horst Leitner und Ventocom-Geschäftsführer Michael Krammer dürfen sich über die erste Million Kunden für ihre Marke HoT freuen.
Handel
25.09.2020

Seit mehr als fünf Jahren begeistert die Hofer Mobilfunk-Exklusivmarke HoT mit maßgeschneiderten Angeboten sowie dem Versprechen, niemals teurer, sondern nur günstiger oder besser zu werden und ...

Werbung