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Wozu brauchen wir globale Lebensmittel-Lieferketten?

29.09.2020

Corona-Krise und Klima-Krise stellen die Wirtschaft vor eine gemeinsame Herausforderung: Beide fordern dringend weniger globale, dafür mehr regionale Lieferketten! Vor allem bei Lebensmitteln und Nearfood, aber auch bei Gebrauchsgütern und in der Abfall-Wirtschaft. Der Güterverkehr, einer der CO2-Hauptsünder, würde dadurch massiv heruntergefahren, im Kampf  gegen die Erderwärmung gelänge damit ein wichtiger Teilsieg.   

Aber: Eine Faustregel „Regional statt Global“ hat einen gewaltigen Haken. Armut und Sterblichkeitsrate  in den Entwicklungsländern, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, würden dramatisch ansteigen, wenn die Wirtschaft in den armen Ländern kurzerhand vom globalen Warenaustausch abgenabelt würde. Daher müssen die EU und  damit auch Österreich Schritte der Deglobalisierung mit Augenmaß setzen, Regionalisierung, so wünschenswert sie ist, darf nicht auf dem Rücken der Dritten Welt stattfinden.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, lehrt uns Erich Kästner. Ein behutsames und  verantwortliches Zurückfahren klimaschädlicher globaler Warenströme erfordert in der  Praxis viele kleine, wohlüberlegte Schritte. Eine zentrale Frage lautet: Soll diese Umlenkung der Beschaffungslogistik der freien Entscheidung klimabesorgter Unternehmen unterliegen oder bedarf es dafür gesetzlicher Maßnahmen? Zwei Regelwerke werden zurzeit in der EU heftig diskutiert. Zum einen der Ruf nach einer CO2-Abgabe für Warenimporte, die sich daran bemisst, wie  schwer der CO2-Rucksack ist, den das Produkt bei seiner Reise nach Europa am Buckel trägt. Österreichs Bundesregierung hat sich schon mehrfach für eine solche EU-einheitliche Steuer ausgesprochen.

Lieferkettengesetz: Vom ökologischen zum ökosozialen Footprint

Aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachtet das Europäische Lieferkettengesetz die Problematik des globalen Warenverkehrs. EU-Justizkommissar Didier Reyners kündigte Ende April ein solches Gesetz an, dessen Ziel es sei, nicht nur die Umwelt, sondern vor allem die Menschenrechte global zu schützen und den Lieferketten entsprechende Auflagen zu erteilen. Solcherart steht die Weiterentwicklung des ökologischen zum ökosozialen Footprint auf der  Brüsseler Agenda. Angepeilt wird damit ein Gesetz, das unhygienische und damit Pandemien-verbreitende Arbeitsbedingungen in Fabriken ebenso verhindern soll, wie Kinder- und Sklavenarbeit oder die Zerstörung indigener Kulturen im brandgerodeten Amazonas-Gebiet. Eine Studie, so berichtete Reyners, habe ergeben, dass freiwillige Regelungen nicht ausreichen, um die Wahrung von Menschenrechten und Umweltstandards in internationalen Lieferketten sicherzustellen. Der Gesetzesentwurf soll 2021 im EU-Parlament zur Beschlussfassung eingebracht werden. Das Lieferkettengesetz geht auf eine Initiative der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2011 zurück. Damals verkündete die UNO „Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte“ im Kampf gegen Kinderarbeit, Sklaverei und Ausbeutung.

Aber von der UNO-Empfehlung zum Gesetz auf nationaler bzw. EU-Ebene ist es ein weiter Weg. In Deutschland entstand zuletzt ein Streit zwischen den Parteien in der Frage der Haftung. Wirtschaftsminister Peter Altmaier plädiert für eine „weiche“ Lösung. Unternehmen sollten nicht vor Gericht zitiert werden, wenn ihre Vorlieferanten gegen das Gesetz verstoßen. Allenfalls sollten bloß Geldstrafen verhängt werden. Uneins ist sich die schwarz-rote Koalition im Nachbarland, ab welcher Unternehmensgröße ein Verstoß gegen das Gesetz geahndet werden soll. Eine Zahl von 5.000 Mitarbeitern schwebt der Union als Untergrenze vor, die SPD sieht das Limit bereits bei 500 Beschäftigten.

Jetzt wird in zahlreichen Ländern an einem Lieferkettengesetz gebastelt. Solcherart droht ein Fleckerlteppich (oder „Flickenteppich“, wie die Deutschen sagen). In Frankreich kann bereits seit Februar 2017 ein Unternehmen zivilrechtlich geklagt werden, wenn es seiner  Sorgfaltspflicht nicht nachkommt, Verstöße seiner Vorlieferanten gegen das nationale Lieferkettengesetz hintan zu halten. In der Schweiz plant man, speziell den großen Konzernen (wie z. B. Nestlé) verbindliche Sorgfaltspflichten aufzuerlegen, Haftung für Schäden inklusive. In Österreich überlagert zurzeit das alles beherrschende Thema Corona die politische Diskussion über ein Lieferkettengesetz.

Rückenwind für das Fairtrade-Siegel

So bleibt es speziell im Handel den einzelnen Firmen überlassen, bei ihrem Angebot an Importprodukten die Einhaltung von CRS- und Öko-Standards im Erzeugerland auszuloben. Recht umfangreich sind die Engagements der großen Handelsketten für Fairtrade-zertifizierte Produkte. So verdankt das Fairtrade-Siegel hierzulande ebenso wie in Deutschland und der Schweiz seine wachsende Verbreitung in hohem Maße dem Einsatz in den Premium-Handelsmarken. Nach dem Motto: Mit dem Aufpreis verhilft der Konsument im reichen Europa den armen Kleinbauern der Dritten Welt zu einem besseren Leben. So kletterte Fairtrade Kaffee in Österreich seit der Einführung im Jahr 1993 mittlerweile auf einen Marktanteil von 8%. Fairtrade-Mindestpreis, Fairtrade-Prämie und Bio-Aufschlag bewirkten, dass Österreichs einer weltumspannenden Caritas verpflichtete Shopper im ersten Halbjahr 2020 den Kleinbauern-Kooperativen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu Direkteinnahmen in Höhe von 9,2 Millionen $ verhalfen.

Auch viele Schokoladen-Markenartikler machen bei Fairtrade (in manchen Ländern firmiert die Organisation unter dem Label Transfair) mit, nur der steirische Chocolatier Zotter, sonst als Öko-Guru unterwegs, hat sich von Fairtrade nach Jahren der Zusammenarbeit aus schwer nachvollziehbaren Gründen verabschiedet.

Für Mag. Herwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich  ergänzen ein europäisches Lieferkettengesetz und das seit vielen Jahren etablierte Fairtrade-Siegel einander optimal: “Eine solche Rechtsnorm gewährleistet, dass in der globalen Wirtschaft Verstöße gegen die Menschenrechte geahndet und Mindest-Sozialstandards eingehalten werden. Das Fairtrade-Programm aber geht viel weiter und  bietet den Firmen ein breites Spektrum an Möglichkeiten, sich durch CSR–Maßnahmen für ihre Lieferpartner aus der Dritten Welt zu profilieren.“ Ein Lieferkettengesetz, das Sanktionen vorsieht, fördert den fairen Wettbewerb, weil es schwarze Schafe unter den Firmen daran hindert, sich durch Missachtung von Sozialstandards einen Preisvorteil zu verschaffen.

Fairtrade und Regionalität ergänzen einander

In den Nachhaltigkeits-Kampagnen der Lebensmittelhändler verschränken sich Menschenrechts- und Umweltinitiativen zu einem ökosozialen Gesamtpaket. So zum Beispiel beim jährlichen Rewe Stakeholderforum, das Corona-bedingt heuer in kleinerem Rahmen stattfindet. Bei der Spar läuft eine Anzahl von CSR/Nachhaltigkeitsprojekten, wie  beispielsweise die radikale „Palmöl-Befreiung“ der Eigenmarken. Die Lehrlinge der Spar Akademie in Wien und seit kurzem in ganz Österreich werden in Zusammenarbeit mit dem WWF zu „Green Champions“ ausgebildet. Das Bundesministerium für Klimaschutz fördert dieses Programm. Dieses widmet sich Fragen, wie: Woher kommt der Fisch im Fischstäbchen? Warum kann ein Krapfen den Regenwald zerstören? Und wo ist es sinnvoll, auf Plastikverpackungen zu verzichten? Lidl propagiert ein „Flugverbot für Obst und Gemüse“.

Räumliche Distanzen zu überwinden und damit den Menschen die besten Lebensmittel aus aller Welt anzubieten, zählt, nachzulesen beim Wiener Welthandels-Professor Karl Oberparleiter (1886 – 1968), zu den Grundfunktionen des Handels. Beim Sourcing die Balance zwischen globalen, EU-weiten, nationalen und regionalen Lieferketten zu wahren, ist eine Herausforderung, der sich unser LH auch und gerade in Corona-Zeiten mit viel Professionalität und Einfühlungsvermögen in die Verbraucherwünsche stellt. Das beweisen die umfangreichen  Initiativen der Großen Vier für regionale Lebensmittel, wie Zurück zum Ursprung bei Hofer, Von dahoam das Beste bei Interspar,  da komm ich her bei Billa, ein Herz für Österreich bei Lidl. Und bei den regional aufgestellten Groß- und Einzelhändlern, von Kastner bis MPreis, von Kiennast bis Sutterlüty, nicht zu vergessen die Kaufleute von Spar, Nah&Frisch, Adeg und Unimarkt, ist die Lieferkette mit lokalen Produzenten ohnehin bereits genetisch vorprogrammiert. Regionalität ist Mainstream in der Sortimentspolitik des  heimischen LH, da wäre ein herzliches „Dankeschön“ seitens unserer Bauernschaft schon angebracht.

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger startete seine Karriere als Handelsjournalist im Jahr 1970, also vor 50 Jahren. Damals war er als Mitarbeiter der A&O-Zentrale Chefredakteur der „A&O Revue“. Ab 1976 arbeitete er 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift „Regal“. Von 1993 war er 21 Jahre lang Herausgeber der Handelszeitschrift „Key Account“.
Seit Herbst 2014 ist er als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

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