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Zum wechselseitigen Vorteil

12.06.2014

Für den CSR-Experten René Schmidpeter ist Corporate Social Responsibility (CSR) bei weitem mehr als Sponsoring und Sozialprojekte. Seine Definition erläutert er im Gespräch mit der handelszeitung.

CSR-Stratege Dr. René Schmidpeter.

Handelszeitung: Wo liegen Ihre Hauptanliegen bei CSR?

René Schmidpeter: Mein Hauptinteresse gilt seit vielen Jahren der Frage, wie man durch Unternehmertum gesellschaftliche Probleme löst. Entlang dieser Frage habe ich meine Arbeiten ausgerichtet, mit der festen Überzeugung, dass Unternehmer einen wichtigen Beitrag für die Überwindung der gegenwärtigen sozialen und ökologischen Herausforderungen liefern. Erst jüngst habe ich in Amerika, Ozeanien und Asien Themen rund um nachhaltiges Wirtschaften mit Experten erörtert. Dabei ist mir aufgefallen, dass nachhaltiges Wirtschaften in allen Kontinenten ein Thema ist, das aber die Herausforderungen ganz unterschiedlicher Natur sind. Mein persönliches Ziel ist es, die Betriebswirtschaftslehre sowie das strategische Management um eine der wichtigsten Fragen der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts zu ergänzen: Wie können Unternehmen Teil der Lösung gesellschaftlicher Probleme werden?

Wie würden Sie CSR im Allgemeinen beschreiben und wie würden Sie Nachhaltigkeit und CSR im Lebensmittelhandel und der -produktion sehen?

Nach wie vor wird die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen immer noch auf Sponsoring, Sozialprojekte und Compliance reduziert. Hier sehen viele Unternehmen meist nur einen weiteren Kostenfaktor bzw. die überbordende Bürokratie. Jedoch hat sich, sozusagen im Windschatten der breiten CSR-Diskussion, eine neue spannende Perspektive entwickelt. Die Managementperspektive, die von Wertschöpfung, Innovation und Strategie getrieben ist. Hier geht es nicht ausschließlich um ethische Fragen, sondern darum, wie wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit positiv miteinander verknüpft werden können. Der rein defensive CSR-Ansatz wurde so in den letzten Jahren in einen modernen chancenorientierten CSR-Ansatz überführt. Dabei geht es nicht mehr darum, wie man sein Geld verdient. Insbesondere im LEH geht es nach all den Skandalen auch darum, Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen, indem die aktuellen Geschäftsmodelle an den Interessen der Stakeholder ausgerichtet werden. Erste Vorreiter im Lebensmittelbereich haben erkannt, dass dies nicht nur ethisch sinnvoll ist, sondern auch wirtschaftlich mehr Erfolg verspricht. Es geht diesen Lebensmittelunternehmen immer mehr darum Gewinne nicht auf Kosten der Gesellschaft, sondern zum Nutzen der Gesellschaft zu generieren. Sie verstehen CSR als „Managementansatz zum wechselseitigen Vorteil". Das eröffnet neue Möglichkeiten.

Gibt es Ihrer Meinung nach Ungereimtheiten, die diese Bereiche betreffen?

In jeder Entwicklung gibt es Spannungsverhältnisse, unterschiedliche Perspektiven und Meinungen. Genau diese Ungereimtheiten stellen das Potenzial für zukünftige Entwicklungen dar. Wer hätte noch in den 90er-Jahren geglaubt, dass biologische Produkte aus der Nische in den Mainstream kommen? Wer hätte geglaubt, dass das Internet die gesamte Handelsbranche vor immense Herausforderungen stellt? All die gesellschaftlichen Entwicklungen sind Trends, die Unternehmen positiv für sich nutzen können. Es geht nicht darum, alte Strukturen zu zementieren, sondern bei der Suche nach Lösungen und dem Aufbau neuer nachhaltiger Wertschöpfungsketten dabei zu sein. Hier spielt der Kunde sicherlich eine gewichtige Rolle, und die Unternehmen-Kunde-Beziehung wird sich weiter dynamisch ändern. In Zukunft werden nicht einzelne Unternehmen gegeneinander konkurrieren, sondern ganze Wertschöpfungsketten. Zulieferer und Kunden gehören unweigerlich zum eigenen Wertschöpfungssystem, das es gezielt zu managen und weiterzuentwickeln gilt!

Welche Maßnahmen sind im Bereich Lebensmittel unbedingt notwendig?

Der Kunde erwartet zu Recht unbedenkliche und einwandfreie Lebensmittel. Er möchte bei Unternehmen kaufen, denen er vertrauen kann und deren Geschäftsmodelle danach ausgerichtet sind, für alle Stakeholder einen Mehrwert zu generieren. Von der reinen defensiven CSR-Ausrichtung niemanden zu schaden, wird es immer mehr in die Richtung gehen, den Nutzen für den Kunden kontinuierlich zu erhöhen. Dies kann nur durch Innovation gelingen. Insbesondere österreichische Lebensmittelunternehmen haben hier gute Startvoraussetzungen, indem sie die hohe Kompetenz der eigenen Landwirtschaft und die vorhandenen regionalen Wertschöpfungsketten nutzen. Diese Unternehmen fragen sich vermehrt, wie sie den gesellschaftlichen Nutzen ihres unternehmerischen Handelns erhöhen können. Wie sie ihre Kompetenzen in unternehmerischer Weise für die Gesellschaft einsetzen können. Nicht aus reinem Altruismus heraus, sondern durchaus im eigenen wirtschaftlichem Interesse.

In welche Richtung wird sich der Bereich CSR entwickeln, welche Neuerungen gibt es zur Zeit?

Es gibt derzeit insbesondere in der internationalen Diskussion vielversprechende Ansätze, welche die Verantwortung von Unternehmen aus einer aktiven und chancenorientierten Perspektive sehen. So gibt es 1) die Frage nach der gesellschaftlichen Innovation (Social Innovation) und den Beitrag der Unternehmen dazu.

2) das Konzept Corporate Social Innovation (CSI), welches insbesondere die Innovationsperspektive von CSR beleuchtet.

3) Sustainable Entrepreneurship (SE), welches innovative Unternehmer im Zentrum der aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion verortet. Zudem wird immer weniger darüber diskutiert, ob CSR eine strategische Bedeutung hat oder nicht. Hier haben wir bereits von der Mehrzahl der Entscheider eine positive Antwort. Es geht nun vielmehr darum, wie Nachhaltigkeit sinnvoll in die jeweiligen Unternehmensabläufe, -prozesse und -produkte integriert werden kann. CSR wird somit eine Frage der Wertschöpfung, Innovation und Strategie. Damit ist CSR bereits jetzt nicht mehr aus der Managementwissenschaft wegzudenken. CSR entwickelt sich vielmehr zu einem erfolgreichen, in der Praxis breit eingesetzten Managementansatz, mit dem Ziel, unternehmerische Interessen und gesellschaftliche Interessen konstruktiv zu verknüpfen. Dabei entsteht sowohl Mehrwert für die Gesellschaft, als auch für das Unternehmen. Die dafür notwendigen Instrumente (CSR-Strategie, Stakeholder-Dialog, integriertes Controlling etc.) werden derzeit gemeinsam mit Unternehmen entwickelt und einige bereits bei mehreren Vorreiterunternehmen erfolgreich umgesetzt. Ich bin mir sicher, dass viele Unternehmen diesem aktiven und chancenorientierten CSR-Weg folgen werden.

ele

Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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